Mentale Gesundheit
Wenn du nervös bist, reagiert dein Körper genauso, wie wenn du von einem Löwen bedroht wirst. Wie können wir unsere Instinkte davon überzeugen, dass der Löwe verschwunden ist?
Wie man Lampenfieber in den Griff bekommt
„Die meisten von uns haben mehr Angst vor unseren Mitmusiker*innen als vor dem Publikum“, sagt Leonhard Königseder. Er ist Perkussionist, Pädagoge und lehrt mentales Training in den Bereichen Sport und Musik. Eines der Themen, mit denen er arbeitet, ist Nervosität, Lampenfieber und wie man sich darauf bestmöglich vorbereiten kann.
Königseder weist darauf hin, dass es normalerweise kein Problem ist, vor einem Konzert nervös zu sein. Im Gegenteil, es macht einen oft fokussierter. Statt sich darauf zu konzentrieren, ob die Gedanken positiv oder negativ sind, unterscheidet er zwischen dem, was produktiv ist und was nicht, also ob die Gedanken hilfreich sind oder nicht.
Tipp: Sei flexibel
Es gibt viele Möglichkeiten, wie Nervosität die Leistung hindern kann: „Zittern, schweißige Hände, schlechtes Atmen, verspannte Muskeln, hoher Puls, kalte Finger, Tunnelblick, Blackouts“, zählt Königseder auf. Besonders schwierig ist es für Streicher und Perkussionisten, wenn ihre Hände zittern. Und für Bläser ist es eine große Herausforderung, wenn sie ihren Atem nicht kontrollieren können.
Deshalb glaubt Königseder, dass es hilfreich ist, auf viele verschiedene Arten zu üben, damit man mehr Optionen in einer stressigen Situation hat. Übe nicht nur so, wie du beim Konzert spielen möchtest. Versuche, lauter, leiser, langsamer oder schneller zu spielen. Werde so flexibel wie möglich, damit dein Körper besser mit der Herausforderung auf der Bühne umgehen kann, sagt er.
Spiele mit geschlossenen Augen
Es ist nicht nur die körperliche Reaktion des Körpers, die das Ganze erschweren kann. Die Unvorhersehbarkeit der Umgebung kann die Nervosität verstärken. Vielleicht kommst du im Konzertsaal an, und der Raum ist ganz anders als das, was du gewohnt bist, schwer zu spielen oder sehr dunkel. Da wird Flexibilität von Vorteil.
Atmen, atmen, atmen
Der beste Tipp, um die Nerven zu beruhigen, ist gleichzeitig einfach und schwierig laut Königseder. Es geht ums Atmen. Richtige Atemübungen können die Nerven nachweisbar entspannen. Seine Tips:
- Atme tief durch die Nase ein, bis in deinen Bauch, und atme dann langsam durch den Mund aus. Mache das mehrere Male und nimm dir Zeit mit dem Ausatmen.
- Versuche, dir gleichzeitig etwas Schönes oder Entspannendes vorzustellen, wie eine ruhige Landschaft zum Beispiel. Das kann helfen, deinen Körper und Geist zu entspannen.
- Es hilft auch, den Blick auf etwas in der Ferne zu richten – ganz hinten im Saal. Das hängt mit unseren Instinkten zusammen. Denn wenn ein Mensch in der Steinzeit auf etwas weit Entferntes fokussieren konnte, bedeutete es, dass alles sicher war.
- Stell dir vor, dass du für die Person spielst, die ganz hinten im Publikum sitzt. Den Fokus von dir selbst weg und auf etwas außerhalb von dir zu richten, kann dir helfen, im Moment zu bleiben, auch wenn du nervös wegen deiner Darbietung bist.
Leonhard Königseder arbeitet bei der ÖGfMM, der Österreichischen Gesellschaft für Musik und Medizin. Dieser Artikel basiert auf dem von Erasmus+ unterstützten Projekt "Die Zukunft des Jugendorchesters", bei dem Königseder und andere Forscher mit Musiker*innen des Norsk Undgomssymfoniorkester (NUSO) und des Landesjugendorchesters Hamburg (LJO Hamburg) zusammenarbeiteten.
Lampenfiebertraining mit VR-Brillen
Forscher und Trompeter Dr. Mattias Bertsch hat ein VR-Tool entwickelt, welches es einfacher macht, sich auf das Spielen in einem neuen Raum vorzubereiten. Mit sehr einfacher Ausrüstung kannst du in deinem eigenen Raum stehen und gleichzeitig erleben, wie es ist, in einem völlig anderen Ort zu proben.
Bertsch weist darauf hin, dass es bei der VR-Technologie nicht darum geht, die Methoden des mentalen Trainings und Techniken zur Entspannung oder Stressbewältigung zu ersetzen.
„Wir wissen bereits, dass VR sehr gut für die Konfrontationstherapie bei Menschen funktioniert, die Angst vor Höhen oder Spinnen haben“, so Bertsch. Es ist eine Möglichkeit zu lernen, wie man mit seinen Ängsten umgeht.
Einfach zu benutzen, für alle zugänglich
Die Verwendung von VR auf diese Weise mag kompliziert klingen, aber es ist ganz einfach laut Bertsch. Du brauchst nur normales Internet und einen Webbrowser. Viele junge Leute haben heute schon ein VR-Headset, das sie zum Spielen benutzen. Wer keins besitzt kann es sich vielleicht im Bekanntenkreis ausleihen. Die Website ist kostenlos für jeden, der die nötige Ausrüstung hat. Die größte Herausforderung ist wahrscheinlich, Zeit zu finden. Wenn du Lampenfieber überwinden willst, braucht es mehr als nur ein paar Minuten.
Akustik bald verfügbar
Bertsch erläutert, dass die Technologie noch in der Entwicklung ist, aber dass die bisherigen Ergebnisse gut sind. „Wir müssen noch die Akustik in den Räumen simulieren, daran arbeiten wir derzeit.“
Du kannst das Virtual Reality Exposure Training (VRET) hier testen: www.mdw.ac.at/mrm/iasbs/virtuelle-touren/VRET24e/
Dr. Mattias Bertsch ist Leiter der ÖGfMM, der Österreichischen Gesellschaft für Musik und Medizin. Dieser Artikel basiert auf dem von Erasmus+ unterstützten Projekt "Die Zukunft des Jugendorchesters", bei dem Bertsch und andere Forscher mit Musiker*innen des Norsk Undgomssymfoniorkester (NUSO) und des Landesjugendorchesters Hamburg (LJO Hamburg) zusammenarbeiteten.
Text: Marte Fillan
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